Was Amelie zu unserem letzten „Take a break – Vinyasa Yoga meets Kundalini Yoga Weekend“ schreibt:

Ehrlich gesagt, hatte ich erwartet, dass alles leuchtet, dass das ganze Gebäude erleuchtet ist. Dass es von innen heraus strahlt. Und vielleicht auch ein bisschen verstrahlt wirkt. Im Sinne von weltfremd. Doch als ich das Ziel erreicht hatte, begrüßte mich als erstes eine feste Betonkonstruktion: der Parkplatz. Wie zuhause, dachte ich. Das wiederum war irgendwie beruhigend. Ist so wie mit den immer gleich aussehenden Filialen der ganzen Unternehmensketten. Wenn man die auf seinen Reisen im Ausland sieht, ist das vielleicht zu einem Teil enttäuschend, weil: Das gibt es ja bei mir vor der Tür auch, ich wollte doch etwas Exotisches! Aber wenn man dann schnell noch neue Schuhe braucht, weil diejenigen, die man vorher in der Heimat im gleichen Laden gekauft hat, erwartungsgemäß ihren Zenit überschritten haben, weiß man auch direkt, an welcher Stelle im Laden sie zu finden sind. Ist doch auch praktisch.

Ich war nun also angekommen, im Yoga-Vidya-Zentrum in Horn-Bad Meinberg. Und war durch den Beton zum ersten Mal überrascht. Im Eingangsbereich dann die nächste Erleichterung: Keine vorbeischwebenden Gurus oder seelige Menschen. Stattdessen eine Rezeption und ein freundlicher Mann, der nach unserer Begrüßung geduldig versuchte, mir den Weg zum Speisesaal zu beschreiben. Sich in den Gängen zurechtzufinden ist für jemanden wie mich mit nur schlechter Orientierung herausfordernd. Wie haben das die Mitarbeiter vorher, als das Gebäude noch ein Krankenhaus war, wohl gemacht haben? Zum Glück sind die vielen Bilder an den Wänden wegweisend genug.

Erst ein paar Tage vorher hat Rosa mich gefragt: Möchtest du nicht mit zum Kundalini-Workshop mit Claudia? Ja, warum eigentlich nicht. Eine kleine Auszeit passte ganz gut. Also: direkt Sachen packen und losfahren. Das war für mich der richtige Entscheidungsweg, denn sonst hätten meine üblichen Gedanken mehr Zeit gehabt, sich auszubreiten. Wolltest du nicht eigentlich arbeiten? Du hattest doch versprochen, dass … Kannst du dir überhaupt freinehmen? Muss das auf der Arbeit denn nicht dringend erledigt werden? Du schläfst doch so ungerne mit anderen, fremden Menschen in einem Zimmer. Ich weiß doch gar nicht, wer alles dabei ist, ich kenne hier doch niemanden, was ist, wenn … Doch die innere Stimme war klar und deutlich: Du brauchst das jetzt. Du brauchst die Zeit hier, mitten in den Wäldern, weg von allem, um für dich da zu sein – und sei es auch nur für eine kurze Zeit, für diese vier Tage. Du machst das hier für dich. Und egal, was passiert, du kannst alles annehmen und genau das mitnehmen, was du gebrauchen kannst. Und so ging ich relativ zielstrebig erst einmal in den Speisesaal und nahm meinen ersten Teller Yoga-Vidya-Energie.

Wer es noch nicht selbst gekostet hat, dem sage ich aus voller, geschmacklicher Überzeugung: Das Essen ist fantastisch. Es gibt vegane Bio-Küche, manchmal auch vegetarisch, alles ist frisch, es gibt warme Hauptgerichte wie Gemüsecurries mit Reis oder Vollkornnudeln mit Gemüsesoße, dazu eine große Auswahl an frischen Salatzutaten und bereits zusammengestellten Salaten, die beste Tahini-Salatsoße, die ich bisher gegessen habe, Kitchery, Suppen, Körner, Gewürze, am Wochenende selbstgemachte Haselnuss-Kakao-Creme … wenn das Essen so gut ist, ist für mich alles Andere auch gut. Dann gibt es keine Sorgen, sondern gutes Essen. Wie sollte man bei so einem Angebot auch schlechte Gedanken haben? Unmöglich. Ich fand die anderen meiner Gruppe an einem Tisch, und war wieder ein Stück mehr beruhigt.

Im Yoga Vidya gibt es eigentlich einen festen Zeitplan. Für Besucher wird empfohlen, bei bestimmten Programmpunkten anwesend zu sein, zum Beispiel den Meditationen (sehr früh) morgens und abends. Als externe Gruppe hatten wir unseren eigenen Zeitplan. Morgens um 8.30 die ersten beiden Kundalini-Yogastunden mit Mediation, 11 bis 12 Uhr Essen mit allen anderen, nachmittags Wandern oder Erholen, dann wieder zwei Stunden Yoga, 18 bis 19 Uhr Abendessen, danach entweder in Ruhe entspannen, Yoga Nidra oder an den öffentlichen Angeboten im Haus teilnehmen. Zum Beispiel am täglichen Satsang und geführter Meditation. Zu diesen Veranstaltungen treffen sich alle in einem Raum, um gemeinsam zu meditieren und gemeinsam Mantren zu Singen. Mir persönlich gefallen vor allem die Töne, die zu den Wörtern erzeugt werden. Der Klang im Körper. Der Klang der Gruppe. Den mag ich ganz besonders, denn mir wird erst in der großen Gruppe klar, dass jeder einzelne Ton dazugehört und notwendig ist. Dass der Gesang jedes Einzelnen zu einem gemeinsamen Lied wird. Diese Vorstellung gefällt mir: Wir alle bringen unseren Gesang, uns selbst in die Welt. Und im Zusammenspiel wird etwas Ganzes daraus. Diese Erfahrung, finde ich, beruhigt. Wie entspannt sich mein Gesicht auf einmal anfühlt! Danach ist es 22 Uhr, und es reicht an Programm, um müde ins Bett zu gehen zu können.

Normalerweise beginne ich meine freien Tage mit langem Schlafen. Ich liege gerne in meinem Bett, lese, höre Musik oder denke einfach vor mich hin. Ich mag es auch, keinen Plan zu haben, keinen Terminplan, sondern alles ganz nach Gefühl entscheiden zu können. Doch manchmal bin ich dann unzufrieden, mich für das Falsche entschieden zu haben oder nichts getan zu haben (obwohl das doch genau mein Plan gewesen ist). Ich hätte jetzt doch auch …

In Horn-Bad Meinberg bin ich froh, dass ich mich nicht entscheiden muss. Ich mache einfach mit, was mir gefällt. Oder auch mal nicht, wenn es mir nicht gefällt. Ich gehe die ganze Zeit barfuß umher, im Haus, auf den Wegen außerhalb, und fühle mich gut. Verbunden. Geerdet. Echter. Ich trage kein Make-up, erwische mich hin und wieder noch bei unsicheren Blicken in den Spiegel, und gehe dann einfach weiter. Ich trage bequeme Leggings und Shirts, habe meine lockere Jacke dabei und merke fast gar nicht, wie leicht sich das auf einmal anfühlt: Bei mir sein. Zumindest ein bisschen näher bei mir. Kundalini-Yoga hilft mir dabei sehr. Die Form liegt mir: Meditation, Mantren (also Singen) und die Asanas, die sich im ersten Moment so leicht anhören, aber wenn sie so lange gehalten oder wiederholt werden, auf einmal doch herausfordernd sind. „Geht da durch“, sagt Claudia. „Die Übungen sind nicht immer leicht, weil das Leben nicht immer leicht ist. Geh da durch, durch die Anstrengung. Gut!” Das sitzt. Als Belohnung streichelt Claudias ganz klare, ganz feintönige Stimme in den Mantren zum Abschluss mein Herz. Ich verstehe die Wörter nicht, aber ihren Gesang, ihr Gefühl. Ich merke, wie die Stimme in mir deutlicher wird und sagt: DAS! Das brauchst du. Diese Verbindung, das Verbundensein mit dir. Die Sicherheit. Die Kreativität. Das ist kein neuer Gedanke, kein neues Gefühl, doch es tut gut, das genau in diesem Moment bewusst zu spüren, es präsent zu haben. Wie eine Erinnerung an etwas Schönes, an etwas, an jemanden, den man gerne bei sich hat.

Kaum hatte ich mich an den Tagesablauf gewöhnt, war die Zeit auch schon vorbei. Zurück im Alltag, ach, ich hätte mir gewünscht, ich hätte das gute Gefühl länger aufrecht erhalten können. Mir war klar, dass ich ab jetzt nicht jeden Morgen meditiere oder extra eher aufstehe, um ausreichend Yoga zu machen. Nein, das ist so nicht geworden. Es gab auch keinen Moment der Erleuchtung, in dem mir klar wurde: Dies ist mein Weg! Ich weiß auch gar nicht, ob ich daran glaube. Aber was ich mitgenommen habe: Es ist möglich. Es ist möglich, sich anzunehmen und einfach zu sein. Es ist möglich, Ruhe zu finden, auch wenn es außen herum stürmisch ist. Es ist okay, wenn es hart ist. Aber du schaffst das. Du kannst da durch. Gut. Es wird anstrengend, aber du wirst stärker.
Ich versuche mich so oft es geht daran zu erinnern. Das Leben in der Stadt ist viel voller, viel mehr als dort im Grünen, inmitten der Wälder. Ich kann nachvollziehen, warum es so reizvoll ist, dort zu bleiben. Dort zu leben. Sich dort einzufinden in die Aufgaben und den Alltag im Yoga Vidya. Meine eigenen Ziele sehen anders aus. Und das ist vollkommen okay. Doch hin und wieder, da brauche ich diese Auszeit. Da brauche ich eine Pause von den ganzen Gedanken. Was ist, wenn. Hätte ich doch nur. Wäre ich doch nur. Wie soll es nur. Jetzt weiß ich: Ich kann. Ich kann mir diese Zeit nehmen. Und ich kenne einen Ort, an den ich wiederkehren kann. Auch alleine. Und das nächste Mal weiß ich: Es muss gar nicht alles von außen leuchten, damit es sich gut anfühlen kann. Ein bisschen kann ich das nämlich schon selbst, von innen.

(Amelie H.)